Die Sache mit der Reismilch

Wie, keine Reismilch mehr da?

Ich stehe morgens in der Küche. Mein Bruder ist gerade zu Besuch. Mein noch schlaftrunkener morgendlicher Standardgriff in die Kühlschranktür ist gerade ins Leere gegangen. Ich gucke meine leere Hand an, dann wandert mein Blick zum Küchentisch und dann zum Mülleimer. Weil der schon ziemlich voll ist, kann ich die Reismilchpackung sehen, säuberlich gefaltet. Zuletzt geht mein Blick zu meinem Bruder, dem Veganer, der schon am Küchentisch sitzt. Der hat doch bestimmt den letzten Tropfen aus der letzten Reismilchpackung gepresst, um sich irgendein Chia-Buchweizen-Aganvesaft-Müsli mit handverlesenen Gurkenflöckchen oder sowas zu mischen…!

Und es ist Sonntag und die Läden sind dicht! Jetzt bloß nicht wütend werden, Miha——-funktioniert leider nicht. In meinen Gedanken stampfe ich meinen Bruder schon zusammen. Er wiederum hat meinen verärgerten Blick bereits bemerkt und hält die Luft an.

Ich halte selbst auch die Luft an – und meinen Gedanken ein Stoppschild hin. Und jetzt funktioniert es. Hand aufs Herz: was fühle ich, was brauche ich? Und alles schön langsam, damit man mich verstehen kann und kein Vorwurf oder eine versteckte Schuldzuweisung dazwischen rutscht:

„Ich bin gerade ziemlich frustriert, weil mein Bedürfnis nach Rücksicht, nein warte, eher nach Zusammenarbeit nicht erfüllt ist, wenn ich sehe, dass die Reismilch am Sonntag alle ist und keiner nachgekauft hat.“ In diesen Satz habe ich die beiden ersten Schritte der GFK gepackt: Meine Beobachtung und mein Gefühl.

Über die eigenen Gefühle gilt es sich erstmal klar zu werden. Sie funktionieren wie Kontrolllämpchen im Armaturenbrett eines Autos: Sie geben uns darüber Auskunft, dass Bedürfnisse gerade erfüllt oder unerfüllt sind. Über unsere Gefühle kommen wir an unsere Bedürfnisse ran. In diesem Fall komm ich über mein Gefühl der Frustration zu meinem unerfüllten Bedürfnis nach Zusammenarbeit.

Mein Bruder guckt mich mit großen freundlichen Augen an: „Ich hab gehört, dass es bei Dir für Frustration gesorgt hat, als du gesehen hast dass die Reismilch alle ist, weil Dein Bedürfnis nach Zusammenarbeit nicht erfüllt ist.“ Ja! Genau so ist es! Keiner hat Schuld! Er sieht mich an und ich spüre, dass mein Bruder mich in diesem Moment einfach versteht und sieht wie es mir geht, die Sache nicht auf seine Kappe nimmt und sich verkrümelt. Das ist neu! Wir beide gucken uns an, verständnisvoll, als ob wir einander das erste Mal sehen würden. Und irgendwie ist es auch wirklich so.

(…)

Mittlerweile bin ich im Übrigen durch meinen Bruder inspiriert selbst Veganerin und genieße meinen eigenen Haferflocken-Buchweizen-Amaranth-Chia-Kurkuma-Zimt-Feigen-Birnen-Ingwer………Brei. Und zwar sehr! Danke Brüderchen!

 

Hier gehts zum zweiten Teil: Wie die Geschichte früher und ohne die GFK abgelaufen wäre

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  One Reply to “Die Sache mit der Reismilch”

  1. Kristina
    22. September 2016 at 17:54

    Schöne anschauliche Geschichte, die die einzelnen Schritte verdeutlich.

    Ich frage mich gerade, was man macht, wenn man den Eindruck hat, dass die Kommunikation zwischen einer Person und mir holprig läuft. Die Person und ich, aber mit anderen Personen gut kommunizieren können und da auch sehr locker sind. Nur in unserer Kommunikation läuft es sehr angespannt ab. Wie kann man dein rein GfK-mäßig so etwas auflösen und ins Gespräch mit der Person kommen, um irgendwie die Schwere und Angespanntheit herauszuziehen?

    Ich freu‘ mich auf ein weiteres anschauliches Beispiel in diese Richtung.

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