Empathie

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Empathie oder Mitgefühl ist so etwas wie das Herz der Gewaltfreien Kommunikation. Wir benützen die beiden Begriffe synonym. Empathie ist eine der Fähigkeiten, die uns Menschen zu Menschen macht (womit ich nicht behaupten will, dass nicht auch Tiere dazu fähig sind! Man muss sich nur eines der vielen Youtube-Videos ansehen, in denen zum Beispiel ein Chimpanse ein Tigerbaby mit der Flasche füttert….)

Empathie bedeutet, dass ich mich in die Haut einer anderen Person versetzen und mit ihr mitfühlen kann. Und hier kommt schon mal die erste Unterscheidung: Empathie ist nicht dasselbe wie Mitleid. Wenn ich mit einem Menschen mit-leide, empfinde ich selbst Schmerz über seinen Schmerz. Ich bin dann eigentlich mehr mit mir selbst beschäftigt als mit dem Anderen. Mitgefühl dagegen bedeutet, dass ich die Gefühle und Bedürfnisse eines Anderen nachempfinden kann, sie aber gleichzeitig beim anderen lasse.

Empathie bedeutet auch, dass ich nicht gleich versuche, irgendetwas an einer vielleicht sehr schmerzhaften und schwierigen Situation zu verändern, gute Ratschläge zu geben, zu beschwichtigen oder zu analysieren. Ich bin einfach nur da und schenke meine Präsenz. Ein guter Ratschläge kann sehr hilfreich sein, ist aber nicht das, was wir unter Empathie verstehen.

Empathie bedeutet jedoch nicht, dass ich automatisch allem zustimme, was mir ein Mensch erzählt und hier kommt wieder die GFK ins Spiel: Ein Freund kann mir erzählen, wie er neulich nachts die Polizei wegen Ruhestörung gerufen hat, als seine Nachbarn eine Party gefeiert haben. Selbst wenn mir seine Strategie die Polizei einzuschalten nicht behagt, kann ich mich mit seinen Gefühlen und Bedürfnissen dahinter verbinden: damit, dass er sich vielleicht wütend und ohnmächtig gefühlt hat, weil er am nächsten Tag Frühschicht hatte und schlafen wollte. (Im Gespräch mit ihm kann ich das in Form einer Empathischen Vermutung äußern.)

Empathie zu bekommen ist für Menschen eines der größten Geschenke, eines, das viele leider überhaupt noch nie bekommen haben. Dafür könnten sie sich wahrscheinlich ein Auto kaufen, wenn sie einen Euro für jeden wohlgemeinten Ratschlag, jede Diagnose, jedes Weg-Trösten oder jede Analyse bekommen hätten!

Das beste ist: Um Empathie zu geben muss ich absolut nichts tun! Ich bin einfach nur da. Ich kann einfach schweigend zuhören. Ich kann auch an manchen Stellen eine empathische Vermutung äußern und damit meine Gesprächspartnerin unterstützen mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen in Kontakt zu kommen. Manchmal reicht ein Wort, eine Geste, eine Berührung oder auch ein Blick, um zu sagen: Ich sehe dich. Ich bin da.

Zum Schluss zitiere ich noch einen kurzen Abschnitt aus dem Buch ‚Momo‘ (erschienen 1973) von Michael Ende. Hier wird deutlich, was für ein Geschenk die Empathie ist:

Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war das Zuhören.
Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder.
Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur recht wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig.
Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte – nein, sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme.
Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie in ihm plötzlich Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten.
Sie konnte so zuhören, dass ratlose, unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten.
Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten.
Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden.
Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf denen es überhaupt nicht ankommt, und er ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte das alles der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Weise für die Welt wichtig war.

So konnte Momo zuhören!

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